Die Gesundheitsuntersuchung nach GOÄ – Ziffer 29 dient der Früherkennung von Krankheiten beim Erwachsenen. Im Anschluss an die Anamnese wird eine gründliche Untersuchung des gesamten Körpers durchgeführt. Bei der Erhebung des so genannten Ganzkörperstatus werden die Haut, die sichtbaren Schleimhäute, die Brust- und Bauchorgane sowie der Stütz- und Bewegungsapparat untersucht. Außerdem ist eine orientierende neurologische Untersuchung mit eingeschlossen.
Viele Menschen erleben heute, dass sich ihr Lebensrhythmus beschleunigt. Die Arbeitsmarktlage verlangt ein hohes Maß an Flexibilität hinsichtlich Arbeitsplatz und Arbeitszeit. Das bedeutet oft lange Wege von und zur Arbeit und auch entsprechend lange Zeiten im Stau. Dadurch steigt die innere Anspannung, und diese Wegezeiten gehen von der Freizeit ab. Am Arbeitsplatz selbst stellen immer höhere Anforderungen an den einzelnen Mitarbeiter (z.B. gestiegene Dokumentationserfordernisse, Rationalisierungsmaßnahmen), u. U. Mobbing und die potentielle Arbeitsplatzgefährdung im Rahmen des Globalisierungsprozesses weitere Belastungsfaktoren dar. Mit den in den letzten Jahrzehnten stark gewandelten Lebenssituationen (z. B. Patchworkfamilien, die Zunahme alleinerziehender Elternteile infolge steigender Scheidungsraten, um nur einige Aspekte zu skizzieren) setzen sich die vielfältigen Belastungen auch im privaten Bereich fort. Die Zeit zum eigentlichen Leben verkürzt sich angesichts des gesteigerten Lebenstempos. Das hat Rückwirkungen auf die Ernährung der Menschen, auf ihre Fähigkeit, sich zu entspannen und schließlich auch auf ihr Schlafverhalten. Bei lang anhaltenden Veränderungen entwickeln sich daraus schließlich Krankheiten.
Was irgendwann als Herausforderung begann, der sich jemand stellte, und die er meistern wollte, um sich und den anderen seine Fähigkeiten unter Beweis zu stellen, verselbständigt sich im Laufe der Zeit: Der Körper reagiert auf eine Herausforderung mit einer Zunahme des Sympathikotonus, also mit einer Aktivitätssteigerung des Teiles unseres unwillkürlichen Nervensystems, der für Aktivität und Anspannung sowie entwicklungsgeschichtlich auch für den Fluchtreflex zuständig ist. Sein Gegenspieler, der Parasympathikus, ist der Teil des unwillkürlichen Nervensystems, der in der Entspannung aktiviert wird. Zu viele Reize und Anforderungen führen zu einem Ungleichgewicht zwischen den beiden Teilen des unwillkürlichen Nervensystems mit der Folge einer dauerhaften Aktivitätssteigerung des Sympathikus. Subjektiv wird dies zunächst von den Betroffenen nicht wahrgenommen. Aber eine der möglichen und messbaren Auswirkungen ist eine Steigerung des Blutdrucks. Was anfangs noch eine harmlose Regulationsstörung ist, entwickelt sich – wenn nicht durch Änderungen des Lebensstils und ggf. durch Behandlung gegengesteuert wird – allmählich zu einer Hochdruckkrankheit. Dieses Phänomen wird leider immer noch zu sehr unterschätzt, weil die Veränderungen zu Beginn schleichend und schmerzlos sind. In fortgeschrittenen Stadien ist diese Entwicklung jedoch unumkehrbar und Folgeerkrankungen wie Herzinfarkt und Schlaganfall drohen.
Die Beschleunigung des Lebensrhythmus führt aber gleichzeitig auch zu Änderungen der Eßgewohnheiten und des Freizeitverhaltens. Höhere Anforderungen seitens des Arbeitsplatzes verringern die Zeit, die für die Erfüllung des Nahrungsbedürfnisses aufgebracht werden kann. Während früher viel mehr Menschen regelhaft wesentliche Teile des von ihnen verzehrten Obstes und Gemüses selbst angebaut haben, wird es heute gekauft. Die Zubereitung erfordert ihrerseits Zeit und Kenntnisse. Dieser Aufwand wird einem heute abgenommen durch ein Angebot von Fertiggerichten und Schnellrestaurants. Da das Sättigungsgefühl sich aber erst nach etwa zwanzig Minuten einstellt und von weiteren Faktoren abhängig ist, übersteigt die mit der Nahrung aufgenommene Kalorienmenge häufig den Bedarf. In Kombination mit Bewegungsmangel ist dadurch langfristig die Entwicklung weiterer so genannter Zivilisationskrankheiten wie Übergewicht, Diabetes Typ II, Bluthochdruck und Schlafstörungen vorprogrammiert. Ein gestörter Schlaf sowie eine zu geringe Schlafdauer bedeuten auch eine Störung und Abkürzung der so genannten anabolen Stoffwechselphase, auf die sich der Körper nachts umstellt: Die anabole Stoffwechselphase ist eine Aufbauphase, während der der Körper regeneriert. Des weiteren finden Stoffwechselprozesse zur Aufrechterhaltung der Körpertemperatur und der Zellfunktionen statt. In Untersuchungen wurde festgestellt, dass eine Verkürzung der Schlafdauer einer Gewichtsabnahme entgegenwirkt: Das Verlangen nach kohlenhydratreichen und insbesondere süßen Nahrungsmitteln steigt an, gleichzeitig bleibt der Appetit aber gleich, und der Zuckerstoffwechsel entwickelt sich in Richtung auf eine Zuckerverwertungsstörung, die bei längerem Bestehen und Hinzukommen weiterer Faktoren in einen Diabetes münden kann.
Hier setzt die Gesundheitsuntersuchung an, um vorrangig derartige Entwicklungen bereits in ihren Anfängen zu erkennen und ihnen so gegensteuern zu können. Die Häufigkeit der einzelnen Krankheitsbilder unterstreicht dies eindrucksvoll: Bluthochdruck haben etwa 40% aller Erwachsenen oder 30 Millionen Menschen in Deutschland; an Übergewicht leiden 30% aller Erwachsenen oder 24 Millionen Deutsche; und der Diabetes Typ II wird in Deutschland mit einer Häufigkeit von etwa 5% oder 3,8 Millionen Erwachsenen angetroffen.
Zur Diagnostik im Rahmen der Gesundheitsuntersuchung stehen in unserer Praxis die Ableitung eines Elektrokardiogramms, die Durchführung einer Langzeitblutdruckmessung sowie einer Lungenfunktionsuntersuchung und die Ermittlung gezielter Laborwerte zur Verfügung.
Anhand der so ermittelten Ergebnisse ermitteln wir Ihr individuelles Risikoprofil. Dieses besprechen wir anschließend eingehend mit Ihnen. Ggf. entwickeln wir gemeinsam mit Ihnen ein auf Ihre Lebenssituation abgestimmtes Konzept zur Änderung Ihrer Lebens- und Ernährungsgewohnheiten.
Viele epidemiologische Studien belegen nämlich weltweit die Zusammenhänge zwischen der Ernährungs- und der Lebensweise einerseits und dem Auftreten von Erkrankungen des Herz-Kreislaufsystems, einiger Krebsarten, Diabetes mellitus Typ II sowie mancher chronischer Erkrankungen der Leber und weiterer Verdauungsorgane andererseits.
Die Gesundheitsuntersuchung leistet hier einen Beitrag zur Prävention, indem mittels der durch sie gewonnenen Ergebnisse mögliche Entwicklungen in Richtung ‚Krankheit’ früh erkannt, bewusst gemacht und aufgehalten bzw. abgewendet werden können. Die Aufklärung und Beratung ist ein eigenständiger Bestandteil der Gesundheitsuntersuchung.
© Dr. Doris Weidemann, Köln, 2005